… a thought making crooked all that is straight.

Nelly Sachs: Die Menschen schweigen …

Als ich in Deutschland lebte und meine Dissertation recherchierte, habe ich mich für einige Zeit schwer mit Nelly Sachs beschäftigt. Ihre Gedichte sprachen mich an, und meine eigenen Gedichte aus der Zeit klingen sehr nach ihrer Stimme.

Sachs war Jüdin, 1891 in Berlin geboren und 1970 in Stockholm gestorben. Sie schrieb über ihre Erfahrungen während der Nazizeit und interessierte sich sehr für die Mystik der Juden und der Christen. Ich selbe erkenne einen Hauch von Hildegaard von Bingen in ihren Gedichten. Sie widerspiegelt das Leiden eines Volkes in natürlichen Bildern, wie “Chor der Bäume”, wo die Bäume die Worte erst finden, die den Menschen verborgen bleiben. Wie können wir solchen grausamen Schrecken wie die Shoah je passend beschreiben und dokumentieren? Also findet sie die Sprache durch die Natur. Sie spricht immer wieder von den Sternen, die als hängende Seelen im Weltall singen und auf uns schauen und fragen, ob wir sie noch in Erinnerung haben, oder ob wir das Sternenlicht lieber auslöschen möchten – Vergessen …

Manchmal ist es, als ob sie nur noch das Gespräch mit der und durch die Natur findet – die letzten Momente eines Menschenlebens sind alleine, menschenleer … “Wenn ich nur wüsste/ Worauf dein letzter Blick ruhte,/ War es ein Stein, der schon viele letzte Blicke/Getrunken hatte … Oder war es Erde … Eine Wasserlache …” Es ist aber klar, dass dieser Tod ohne Menschentrost vergeht… Vielleicht beraubt so ein von Menschen auf Menschen begangener Greuel wie die Shoah die Worte. Wenn wir es besprechen, fragen wir, wer war schuldig? Bin ich schuldig? Du? Wer verurteilt uns? Die Toten reden nicht und wenn wir es auch nicht tun, können wir es hinter uns stecken und vergessen; niemand braucht die ‘Mitmacherschaft’ oder das Schweigen zu hinterfragen. Also liegen die Toten auf der Erde und blicken die Blumen mit toten Augen an … Nur die Natur ist Zeuge und spricht.

Wir haben die Worte verloren, “Unsagbares wartet…” und “Märtyrersterben der Buchstaben/In der Urne des Mundes…”, “Des Alphabetes Leiche hob sich aus dem Grab…”. Und warum? “Wir Geretteten,/ Immer noch essen an uns die Würmer der Angst./Unser Gestirn ist vergraben im Staub…” Mit Geretteten meint sie die überlebenden Juden, die noch mit der Angst leben müssen, aber ich meine, wenn wir mit dem Tod nicht konfrontiert werden, leben wir auch tagtäglich mit der Angst, die uns wie die Würmer im Grab schon fressen. Diese Angst bringt uns in aller Art zum Schweigen … Als Menschen haben wir die göttliche Sprache der Mystik auf den Weg in die Postmoderne verloren. Wie bei den Gedichten von Nelly Sachs könnten wir unsere Augen der Natur gut zuwenden und fragen, was siehst Du in mir? Was bin ich auf dieser Welt? Zeige mir den Greuel, sodass ich davon sprechen kann – wenn ich das Alphabet meines Inneren wieder entdeckt habe, werde ich erst mit den Sternen sprechen und das Ur-Logos erkennen können …

Chor der Bäume von Nelly Sachs

O IHR GEJAGTEN alle auf der Welt!
Unsere Sprache ist gemischt aus Quellen und Sternen
Wie die eure.
Eure Buchstaben sind aus unserem Fleisch.
Wir sind die steigend Wandernden
Wir erkennen euch –
O ihr Gejagten auf der Welt!
Heute hing die Hindin Mensch an unseren Zweigen
Gestern färbte das Reh die Weide mit Rosen um unseren Stamm.
Eurer Fußspuren letzte Angst löscht aus in unserem Frieden
Wir sind der große Schattenzeiger
Den Vogelsang umspielt –
O ihr Gejagten alle auf der Welt!
Wir zeigen in ein Geheimnis

Das mit der Nacht beginnt.

©StarofSeshat 2009

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  1. Pingback: Notizblättchen eines Altkatholiken » “Chor der Bäume”

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