… a thought making crooked all that is straight.

Märchensprache

Ich habe heute meinen langen Essay über Edgar Hilsenrath gelesen. Ich rede im Essay von der Wiederbelebung der Toten durch die Symbolsprache des Märchens, das als Kunstform für die Suche nach Identität und Dialog im Menschen dient. Der Essay heißt Die Rolle des Märchens in ‘Das Märchen vom letzten Gedanken’ und ‘Der Nazi & der Friseur’ von Edgar Hilsenrath als Form der Vergangenheitsbewältigung und Zukunftsorientierung, oder, Die Suche nach Identität und Dialog.

Ich schrieb folgendes:

Wie kann man sich den Glauben unserer Mitmenschen, geschweige denn unserer Vorfahren anschließen, die Wahrnehmung der Vergangenheit und schließlich der Gegenwart der Gemeinschaft eines Volkes er-kennen, damit man eine Identität zusammenbasteln und eine Verbindung zu einem Volk erstellen kann?  Wie R. Hilberg schreibt, ‘[Die] Vergangenheit nicht zu kennen heißt sich selbst nicht zu begreifen.’  (Hilberg, 1982: S. 10) Und so Young: ‘[H]istorische[s] Gedächtnis und rituelles Gedenken sind ja nichts anderes als eine neue Metaphorisierung des gegenwärtigen Lebens aus der Sicht einer erinnerten Vergangenheit.  Können wir Menschen denn uns selbst als Teil eines Volkes oder der uns umgebenden Welt erkennen, wenn wir nicht das eine wie das andere in den Bildern unseres Erbes und unserer Zivilisation begreifen?’  (Young, 1992: S. 140) Märchenhaft zu denken und die Welt in Symbolen zu fassen ist der Schlüssel zur Selbsterkenntnis und zur Wahrnehmung der Gemeinschaft eines Volkes.

Wenn ich märchenhaft spreche und die Welt in Symbolen verstehe, dann versuche ich die Einsamkeit meines menschlichen Daseins zu überbrücken. Ich rede in einer Ursprache. Die Grundlage dieser Sprache ist die Vorstellungskraft und die Fähigkeit sich in einen anderen einzufühlen. Das Einfühlen in die Geschichte eines Anderen baut eine symbolische Brücke auf, über die man einen Dialog erstellen kann; und dann nicht nur mit unseren lebenden Mitmenschen sondern auch mit den Toten.

Und weiter:

Was macht aber den Unterschied zwischen dem Märchen, das oft die Wirklichkeit entstellt, und den Berichten der Geschichtsbücher, die die Tatsachen möglichst treu darstellen sollten, dass uns das Unwirkliche oft eine festere Grundlage für unser Identitätsbild bereitet als die offiziellen ‘Tatsachen’? Die Antwort liegt in der Form des Erzählens. An dieser Stelle weise ich auf die moderne Märchenforschung hin.  Ich beziehe mich noch einmal auf Meddah, unseren Märchenerzähler (MlG): Der Beruf als Erzähler im Orient war ein Beruf von Eingeweihten, die ihr Gut an die Nachkommenschaft übergaben; ‘Mit diesen Ablösungen wechselte auch mehr und mehr die Bedeutung des Märchens auf das Gebiet der Seelenerziehung hinüber … ‘ (Lenz, 1984: S. 7). Im Märchen nähert sich die Traumwelt ‘der Wirklichkeit’, weil es die innerliche und äußerliche Welten des Menschen verbindet, es überschreitet die Tatsachen und erzählt die Geschichte jenseits der Geschichte, ‘Jene andere Wirklichkeit, die die Flammen nicht zerstören konnte.’ (MlG: S. 502)

Tatsache und Statistik erzählen uns nur die Knochen einer Geschichte. Sie bleibt uns dennoch tot, fern und unwirklich, weil wir sie nicht erleben, fühlen und uns wahr werden lassen können. Die Toten sterben zweimal.

Hilsenrath zeigt uns, wie die Toten im Gedächtnis der Lebenden weiterleben, und deutet auch darauf hin, dass die Lebenden eine Verantwortung für die Toten haben, dass sie nicht einen zweiten Tod durch unsere Verweigerung, ihnen zu gedenken und die Geschichten weiterzugeben, erleiden. Unsere Identität ist auch mit dieser Verantwortung verbunden, sie prägt unsere Identität und gestaltet unsere Zukunft. Das Märchen fesselt unser Gedächtnis mit seinen Symbolen: ‘Das Symbol ist die Sache, ohne die Sache zu sein, und doch die Sache: ein im geistigen Spiegel zusammengezogenes Bild und doch mit dem Gegenstand identisch.’ (Ladner, 1996: S. 20 – Goethe zitierend) Das Märchen überschreitet die Grenzen zwischen Sein und Nicht-Sein, Wahrheit und Lüge – ‘bir varmisch, bir yokmusch, bir varmisch … es war einmal einer, es war einmal keiner, es war einmal … ‘ (MlG: S. 23) Die Charaktere sollten keine historischen Figuren sein: sie sind ‘… Repräsentanten aller wesentlichen Sphären, mit denen sich der menschliche Geist beschäftigt …’ (Lüthi, 1990: S. 28) Hilsenrath konfrontiert uns durch seine Charaktere mit der Ungeheuerlichkeit der Geschichte. Die Herausforderung ist uns nicht nur mit seinen Charakteren zu identifizieren, sondern uns, als Juden und als Nicht-Juden, auch mit den archetypisch gewordenen Figuren der Vergangenheit – dem Nazi und dem Juden – zu identifizieren. ‘The border between bestiality and humaneness is not located between peoples or between individuals.  It is located in each of us …” (Lappin, 1994: S. 37) Und ‘… it is the radical instability of the construction of the Jew which makes ‘him’ the perfect vehicle through which a self-conscious literary modernism can “explore the limits of its own foundations.”‘ (aus Tamar Garb, ‘Modernity, Identity, Textuality’, [mit Hinsicht auf Arbeit von Bryan Cheyette] in Nochlin & Garb (Hrsg.). 1985: S. 25) Mit dieser Metaphorisierung der Tatsachen möchte ich die Shoah nicht relativieren.  Es ist mir bewusst, dass dies ein heikles Thema ist.  Ich berufe mich noch einmal auf die Arbeit von Young, dass gerade diese Metaphorisierung eine Form der Vergangenheitsbewältigung ist, die der jüdischen Geschichte fortsetzt und nicht verleugnet; ‘Mag sein, dass uns das, was die Juden traditionell symbolisieren, missfällt.  Doch ohne die Fähigkeit der figurativen Sprache, sich der Vergangenheit zu erinnern, wären jüdisches Gedächtnis und jüdische Tradition in der Tat undenkbar.’ (Young, 1992: S. 140) In MlG spricht Hilsenrath zwar vom armenischen Volk, es wird aber oft betont, ‘”[d]iese beiden Völker [die Juden und die Armenier] sind fast zum Verwechseln.”‘ (MlG: S. 39) und in N&F spricht er von einem Nazi, der aber sonst irgendein Täter oder Vollstrecker sein könnte, der versucht, sich mit sich und seinen Taten zu einigen. Durch das Märchen wird es den nächsten Generationen möglich, sich mit dieser Vergangenheit auszusetzen, ohne die Shoah oder den armenischen Völkermord tatsächlich erlebt zu haben. Es spricht uns an, ohne dass wir die Folterspuren oder den Tod erleben, durch die Symbole und Bilder, die das trockene Wort beleben. Es trifft auch hier zu, was Bettelheim über das ‘Fairy-Tale’ mit Hinsicht auf Kinderpsychologie schreibt, ‘The fairy story … never starts with [the child’s] physical reality. No child has to sit among the ashes … or is deliberately deserted in a dense wood … because a physical similarity would be too scarey to the child … The child who is familiar with fairy tales understands that these speak to him in the language of symbols and not that of everyday reality.’ (Bettelheim, 1975: S. 62) Wir werden aufgefordert, uns psychologisch damit zu identifizieren. Aber den Toten ins Gesicht zu schauen kann etwas Furchtbares sein. Das Märchen spricht uns auf einer symbolischen Ebene an und fordert uns nicht auf, die Sache kritisch zu analysieren, sondern die Geschichte aufzunehmen, durch unsere Phantasie eine Zeitlang wie ein Nazi, wie ein Jude, wie ein Sterbender zu fühlen. Die Berichte der Geschichtsbücher rauben den Toten ihrer Identität: ‘In ihrer Phantasielosigkeit werden sie nach Zahlen suchen, um die Massen der Erschlagenen einzugrenzen – sie sozusagen: zu erfassen – , und sie werden nach Wörtern suchen, um das große Massaker zu bezeichnen und es pedantisch einzuordnen.  Sie wissen nicht, dass jeder Mensch einmalig ist, und dass auch der Dorftrottel im Heimatdorf deines Vaters das Recht auf einen Namen hat.’  (MlG: S. 174) Hilsenrath schafft den Toten eine Stimme und legt dabei Zeugnis ab, das uns durch eine damit jüdisch moralisch verbundene Verpflichtung an den Toten weiter verbindet: ‘Sowohl in der Tora als auch im Talmud wird die Forderung, eine Missetat, deren Zeuge man geworden ist anzuzeigen, von den Rabbinern als ausdrückliches Gebot angesehn: Wer ‘…Zeuge[ist], da er es gesehen oder darum gewusst hat, aber er zeigt es nicht an … lädt damit Schuld auf sich. (Levi. 5,1).’ (Young, 1992: S. 38 – meine Hervorhebung) So werden wir mit der Vergangenheit verbunden, aber durch das Erzählen (den Dialog) nehmen wir auch Verantwortung für die eigene Zukunft auf und schließen damit den Kreis unserer Identität; ‘Denn wie sollte in Zukunft der Völkermord verhindert werden, wenn jeder behauptet, er habe nichts gewusst und habe auch nichts verhindert, weil er sich so was gar nicht vorstellen konnte.’ (MlG: S. 19) Unsere Vorstellungskraft sollte uns vorwarnen und zum Agieren bringen. Die Identität vereinigt die Zeiten; sie bewältigt die Vergangenheit, und durch das Erinnern schenkt sie Orientierung an der Zukunft.

©StarofSeshat 2009

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5 responses

  1. Guten Abend MiKi!

    Heute kam mit der Post “Das Märchen vom letzten Gedanken” zu mir.
    Ich kannte bisher von Edgar Hilsenrath nur “Der Nazi und der Friseur”, ein Buch, dass mich sehr beeindruckt hatte. Mir war gar nicht bewußt, dass er mehr noch geschrieben hatte, erst durch diesen Artikel von Dir habe ich mich informiert.
    Danke!

    March 20, 2009 at 7:17 pm

  2. blutzeigtsich

    Tolles Buch. Ich würde auch Nacht von Hilsenrath empfehlen, obwohl es kein einfaches Buch ist; damit meine ich, dass er von solchen schrecklichen Sachen auf einer solchen intimen Art erzählt, ich musste eine Pause beim Lesen einlegen, um es seelisch zu verdauern. Ich war sonst nie so gerührt von einem Buch…

    March 26, 2009 at 2:32 pm

  3. Ich habe mir gerade ein paar “Nacht” – Buchbesprechungen durchgelesen. Ich glaube, ich muss so nach und nach ALLES von Hilsenrath lesen. Vielen lieben Dank.

    Deine Ausführungen über die Märchensprache bei Hilsenrath habe ich übrigens mit großem Interesse gelesen, kann man Deinen langen Essay über Edgar Hilsenrath irgendwo im Ganzen lesen.
    liebe Grüße
    Bettina

    March 27, 2009 at 6:11 pm

  4. blutzeigtsich

    Hallo Bettina,

    Noch nicht. Ich habe aber vor, den Essay neu zu bearbeiten und hier zu veröffentlichen … wenn ich dagegen entscheide, werde ich ihn dir sowieso per E-Mail nachschicken … ob ich den Mut habe, ihn hier zu veröffentlichen, weiß ich noch nicht 🙂

    In 2006 wurde auch endlich eine Biographie von Hilsenrath geschrieben. Danach habe ich jahrelang gesehnt. Es heißt, “Ich bin nicht Ranek, Annäherung an Edgar Hilsenrath” von Helmut Braun (Link zum Buch auf Amazon).

    Ich schreibe bald wieder neues.

    Schönes Wochenende!
    Ganz liebe Grüße
    MiKi

    March 28, 2009 at 9:08 am

  5. Ohh, das wäre lieb, wenn Du mir das schicken würdest.
    Die Biografie … den link habe ich eben benutzt und mir per Ein-Klick-Funktion das (vorerst) letzte Exemplar bestellt. Seit dem Amazon keine Versandkosten berechnet, kauf ich da ganz gern…
    Dabei habe ich noch dieses Buch von Helmut Braun entdeckt, der Titel ist sehr schön, den Inhalt kann ich nicht einschätzen.

    http://www.amazon.de/gp/product/393771717X/ref=pd_1ctyhuc__sim_01_01

    liebe Grüße
    Bettina

    April 1, 2009 at 8:26 am

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