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Eine wirkende Kraft

In dem Buch ‘Die Unschicklichen Töchter’ erzählt Kratzer über Frauen der Fin-de- Siècle-Epoche. Sie waren begabte, schöne Frauen, die Muse und Göttin der Inspiration für die Männer der Café-Welt spielten. Ich musste lachen, als ich immer wieder las, dass Peter Altenberg zu Füssen dieser göttlichen Frauen saß, mal bei der Einen, mal bei der Anderen – aber immer und jedes Mal zutiefst verliebt und tödlich ernst in seiner Hingerissenheit. Ein Mann, der nur die Energie der Liebe suchte, und nicht die Fesseln eines bürgerlichen Lebens… Als ich sah, wie Altenberg von diesen Frauen hingezogen wurde, verstand ich, warum mein Professor sich für ihn so schwärmte und zahlreiche Bücher über diesen Mann schrieb; er war ja genau wie der Altenberg, und ich erkannte den gleichen anhimmelnden Blick für Frauen in dem Professor, wie bei Altenberg. Er sah mich damals auch so an, nicht weil ich schön bin, sondern weil ich offen bin. Manchmal ist der Blick hineine in die dunkle Seele eines Anderen verlockender als der Blick auf einer perfekten Rose.

Aber ich frage mich, wie frei der Altenberg eigentlich war. Es scheint mir eher, dass er hin und her von diesem Liebestrieb gezogen wurde, und wer weiß, ob er ohne Frau überhaupt kreativ sein könnte? Die Macht war ja bei den Frauen, aber was nutzt sich Macht, wenn die Mächtige meint, sie wäre bloß ein schwaches Opfer der gesellschaftlichen Regeln? Deshalb habe ich mich so sehr über die Geschichte der Lina Loos gefreut. Sie hatte einen Liebhaber und einen Mann, hat sich von ihrem Mann getrennt, aber entschied sich dann doch alleine zu bleiben, worauf der Liebhaber sich umbrachte (der Depp!). Die gesellschaftlichen Kreise gab ihr die Schuld für seinen Tod, aber trotzdem kämpfte sie gegen diese Vorwürfe und wurde erfolgreiche Schauspielerin und Schriftstellerin. Schließlich liebte sie ohne davon abhängig zu werden. Sie kannte die innerliche Kraft und ERkannte ihre Macht.

Franz Theodor Csokor schrieb Lina Loos folgendes:

Wenn ich ein richtiger Mensch werde – ich will nicht behaupten, dass ich es bin – aber wenn ich es werde, so danke ich es dir, deinem Beispiel, das sehe ich immer stärker; alles was aus dir noch in mir wirksam ist, ist gut, du bist für mich beinah kein Körper mehr, aber eine wirkende Kraft!

Eine wirkende Kraft” … auf einer ganz anderen Ebene als “hab’ dich lieb”, “finde dich toll” … nicht wahr? Ach, dass wir alle die wirkende Kraft ausdrücken könnten! Auf dieser Art sollen Frauen wie Lina Loos als Inspiration und Muse für Frauen und für Männer wirken …

©StarofSeshat 2009


Lina Loos und die Befreiung der Liebe

Ich lese derzeit ein ausgezeichnetes Buch namens “Die unschicklichen Töchter, Frauenporträts der Wiener Moderne” von Hertha Kratzer. Gestern Abend las ich das Kapital über Lina Loos. Nach der Scheidung von ihrem Mann und das Selbstmord ihres Liebhabers (der sich umbrachte, nachdem sie sich entschied lieber ganz ohne Männergehörigkeit zu leben) lebte sie als eine allein stehende, finanziell unabhängige Frau (was damals höchst ungewöhnlich war). Sie war Schauspielerin und Schriftstellerin. Es war ausgerechnet eines ihrer Schauspiele das mich besonders imponierte. Es heißt “Wie man wird was man ist”. In ihrem Buch zitiert Kratzer einige Zeilen, die ich hier auch wiedergeben möchte:

Auf die Frage [von ihrem Mann], ob Ali [Hauptdarstellerin] glaubt, dass ihr Mann sie geliebt habe, antwortet sie: “Nein, das glaube ich nicht. Du wolltest dich selbst erweitern in mir. Du wolltest mich formen wie ein Werk. Ich will aber durch das Leben geformt werden, nicht von einem einzelnen Menschen. Dazu hast du mich gefangen, festgehalten, dazu brauchtest du die Ehe, die dir Macht und Rechte gab.” Darauf entgegnet der Mann: “Es ist nicht jedermanns Sache, für die freie Liebe einzutreten”, und Ali erwidert: “Ich bin nicht für die so genannte ‘freie Liebe’. – Ich bin für die Befreiung der Liebe, das ist etwas ganz anderes. Zur Liebe muss man reif sein, man muss sie erwarten und empfangen. Die Liebe zu einem Menschen muss Liebe zu allen Menschen werden.”

Und später zitiert Kratzer Loos:

“Die Ehe ist eine Konzession an die Menschen. Ich liebe die Menschen, aber ich räume ihnen keine Rechte über mein Leben ein. Ihr macht es gerade umgekehrt, ihr verachtet die Menschen, aber ihr richtet euer ganzes Leben nach dem ‘Urteil der Welt.'” Und trotzig lässt [Loos] ihr Alter Ego Ali sagen: “Die Gesellschaft. Die Gesellschaft ist irgendwer, ist irgendwo; aber hier stehe ich, wirklich und wahrhaftig, ganz allein verantwortlich für mein Leben, und wenn es der Gesellschaft nicht passt, passt eben die Gesellschaft nicht für mich.”

Jawohl!! Ich habe innerlich echt gejubelt, als ich ihre Worte las. Die Wahrheit ist mir durch eigene Beziehungen bekannt, aber auch durch die recht selbstvernichtenden Verhältnisse, die ich um mich herum sehe. Der Umfang des Missbrauchs ist enorm … alles ja wirklich durch eine unterdrückte Menschenverachtung, die sich in persönliche Beziehungen dann ihren Ausdruck findet. Nicht immer. Nicht überall. Nicht bei jedem. Aber genug dass ich darüber staunen muss – es ist wahrhaftig der Elefant im Zimmer, über den man nicht spricht… Sprechen wir, Gott verdammt, endlich mal von der Befreiung der Liebe!!

©StarofSeshat 2009